Fliegenfischen auf Karpfen – Ein Erfahrungsbericht vom Lake Michigan

Ein Bericht von Brian Pitser, Guide und Wurftrainer bei Schmidt Outtfitters:

Aus einer Laune heraus habe ich einen wunderbaren und neuen Sport direkt vor meiner Haustüre in Michigan entdeckt. Der Zielfisch, um den es geht, wird bei uns von den meisten Menschen als „Abfall-Fisch“ bezeichnet, der es nicht weiter wert ist, ihm nachzustellen oder ihn gar zu verspeisen. Für mich ist jedoch das Angeln auf die „Goldenen Knochen“ mit der Fliege zu einer Leidenschaft geworden, die sich vor allem im späten Frühjahr und im Sommer anbietet. Die Karpfen stellen ein lohnenswertes Ziel für all die Fliegenfischer dar, die mit guter Wurftechnik und entsprechender Drill-Erfahrung ausgestattet sind.

Die aus Europa eingeführten Karpfen sind bei uns mittlerweile so gut wie in jedem Wasser zu finden, vom kleinen Stadtpark bis zu den großen Seen. Ursprünglich als Nahrungsquelle von Siedlern eingeführt, wird der Karpfen heute von den meisten als Speisefisch verschmäht und nicht einmal als Sportfisch geschätzt.

Ich bin in Indiana aufgewaschen, wo Karpfen die einzigen Großfische sind, die eine Rute zum Biegen bringen. Meine Freunde und ich stellen den Karpfen schon seit unserer Kindheit mit Pfeil und Bogen nach oder fangen Sie in den nahegelegenen Flüssen. Mittlerweile habe ich gelernt, den Kraftpaketen erfolgreich mit der Fliegenrute nachzustellen. Gewöhnlich durchwate ich dazu den See „ bewaffnet“ mit einer Rute der Schnurklasse 8 oder 9 und einer Schwimmschnur in der entsprechenden Stärke. Als Fliege benutze ich Bonefish-Muster oder Flusskrebs-Fliegen und fische bevorzugt vom Boot aus. Wer mir zusieht, könnte fast meinen, ich sei in einem der schönen Flats in Florida, den Bahamas oder Belize unterwegs.

Das Fliegenfischen auf Karpfen ist bei uns am produktivsten von Anfang Mai bis Mitte Juli. Während des Hochsommers ziehen die Fische in tieferes und kälteres Wasser und sind mit der Fliegenrute kaum noch zu erreichen. Während der besten Beißzeit ziehen die Karpfen in Gruppen von 2 bis 50 Fischen durch das flache Wasser, um sich zu paaren und abzulaichen. Zu dieser Zeit nehmen Karpfen gerne Nymphen oder Samen vom Gewässergrund auf oder suchen aktiv nach Fischbrut und kleinen Krebsen. Bei der Futteraufnahme im flachen Wasser kommt oft die Schwanzflosse deutlich aus dem Wasser, was Fliegenfischer oft an das typische Verhalten von Redfish und Bonefish erinnert. Derartig aktiv fressende Karpfen sind dann das ideale Ziel.

Karpfen haben ein sehr sensibles Seitenorgan und man muss sich absolut ruhig verhalten, um den Karpfen nicht frühzeitig zu vergrämen. Man sollte ebenfalls dringend ein Überwerfen der Fische vermeiden. Einmal am Haken, liefern die Karpfen einen fantastischen Drill, bei dem es regelmäßig ins Backing geht und lange dauert, bis man den Fisch in Händen hält.

Bei uns gibt es sehr stark bewachsene Seebereiche, in denen es an Flusskrebsen und Elritzen wimmelt. Die Karpfen haben sich darauf eingestellt und nehmen bevorzugt dieses proteinhaltige Futter auf und können so in wenigen Jahren bereits ein Gewicht von 40 Pfund erreichen. Meistens werden bei uns die Fische auf Sicht gefangen. Dazu sollte man eine gute Polbrille besitzen.

Karpfen können sehr sensibel sein und strapazieren daher häufig die Geduld und Wurfpräzision der Angler. Manchmal platziert man die Fliege perfekt vor dem Fisch und warten nur auf den Moment, bis der Karpfen sich der über den Grund hüpfenden Nymphe zuwendet … um dann mit anzusehen, wie der Fisch scheinbar grundlos abdreht. Auch eine perfekte Präsentation führt nicht zwangsläufig zum Fangerfolg. Daher ist es beim Fliegenfischen auf Karpfen sehr wichtig, die Rutenspitze unten zu halten und per Schnurzzug zu haken, wie beim Angeln auf Bonefish in den Salzwasser-Flats. Wer schon immer einmal in einem Salzwasser-Flats angeln wollten, die Reise aber zu weit oder zu teuer ist, dem empfehle ich alternativ einen Besuch am Lake Michigan zur genannten Zeit und ein spannendes und Aktions-geladenes Angeln auf Karpfen.

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